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Angebot Gedenken an die ermordeten Recklinghäuser Juden - Rede des Landrats

Anlässlich des jährlichen Gedenkens an die nach Riga verschleppten und später ermordeten Recklinghäuser Juden besuchte Landrat Cay Süberkrüb am 4. November 2018 den jüdischen Friedhof am Nordcharweg in Recklinghausen. Nachfolgend lesen Sie seine Rede, die er vor Ort gehalten hat. 

Im November 1942 wurden alle jüdischen Gemeindemitglieder Recklinghausens nach Riga verschleppt. Nur 17 davon, darunter Rolf Abrahamsohn, kehrten lebend zurück.Es waren 3.000 Menschen jüdischen Glaubens, unter ihnen 300 Kinder, die aus dem Kreis Recklinghausen, aus Bochum, Dortmund und Gelsenkirchen deportiert und später ermordet wurden.

Wir denken heute an diese Menschen. Sie sind ein nicht auszulöschender Teil der Geschichte unseres Kreises Recklinghausen. Sie sind ein Teil unserer Identität. Und sie sind auch ein Teil unserer Gegenwart und Zukunft.

Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal anlässlich dieser jährlichen Gedenkfeier sprach, habe ich gesagt, dass wir wachsam und aufmerksam sein müssen. Ich habe gesagt, dass wir uns immer erinnern müssen. Es ist mir auch heute, weiterhin und immer wieder, ein persönliches Anliegen, über unsere Verpflichtung, uns mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, zu sprechen.

Und ich bin voller Sorge und verzweifelt, wie viel sich in den letzten 10 Jahren zum Bösen und Schlechten gewendet hat.

Meine Damen und Herren,
natürlich gab es immer die Befürchtung, latenter Antisemitismus und diffuse Fremdenfeindlichkeit könnten wieder mit ihren hässlichen Fratzen sichtbar werden. Aber gehofft haben wir doch alle, dass das nicht eintritt, dass wir gemeinsam lernen, dass Glaube, Liebe, Hoffnung die Welt bewegen und verbessern.

Es hat gerade einmal 73 Jahre gedauert, bis sich in Europa Menschen jüdischen Glaubens wieder in ihren Gotteshäusern verschanzen müssen. Anfeindungen und Übergriffe haben dramatisch zugenommen. Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich, Schweden und Frankreich. Wenn das Tragen der Kippa ein Risiko wird, wenn es sogar Empfehlungen gibt, auf die Kippa zu verzichten, weil Angst um Leib und Leben besteht, dann ist mächtig etwas aus den Fugen geraten.

Meine Damen und Herren,
daran dürfen wir uns nicht gewöhnen!

Es gibt überhaupt keine Entschuldigung und keine Begründung, warum wir mit klaren Ansagen und mit entschlossenem Handeln warten sollten. Jedem Menschen in Europa – auch denen, die hier Heimat finden wollen - muss eindeutig klar sein, dass Antisemitismus, überhaupt religiöse Feindschaft hier nicht geduldet, sondern aktiv bekämpft wird.

Wenn wir relativieren, zögern und nach Entschuldigungen suchen, dass Übergriffe vielleicht nur überzogene Reaktionen auf politische Ereignisse seien, üben wir Verrat an unserer Verantwortung, an unserem gemeinsamen Schwur von 1945: Nie wieder!

„Nie wieder!“ verlangt von uns hohe Wachsamkeit. Wir dürfen das auch nicht einfach nur daher sagen.

„Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte“, so hat es Gauland beim Kongress der Jungen in der AfD am 2. Juni dieses Jahres gesagt.

Ja, er hat das wirklich gesagt – und er hat es gemeint, das war kein Versehen, das war bewusst geplant und gesetzt. Im Vergleich zur ruhmreichen deutschen Geschichte sei die Zeit zwischen 1933 und 1945 nur eine ganz kleine Episode gewesen.

Genau dieser relativierende Vergleich ist infam und unzulässig. Es gibt nicht nur kein richtiges Leben im falschen, es gibt auch kein richtiges Denken im falschen. Der Hinweis auf Beethoven und Dürer ändert nicht das Geringste an den Verbrechen von Holocaust und Angriffskriegen.

Und dann kommen – genauso infam, so, wie man es von der AfD gewohnt ist – die Relativierungsgesänge. Man findet Gaulands Wortwahl zwar unglücklich, stimmt aber dessen Botschaft im Prinzip zu.

Und wieder ist es gelungen eine Botschaft zu setzen und die Grenze des Unsagbaren zu verschieben.

Allen, auch Herrn Dobrindt, der nach der Bayern-Wahl CSU, Freie Wähler und AfD zum „bürgerlich-gemäßigten“ Block zusammenzählte, muss klar sein, dass die AfD damit so gar nichts zu tun hat!

Denn in Wahrheit zielen Frau Weidel, Frau von Storch und Herr Gauland nicht auf die Vergangenheit. Mit ihrem permanenten Geschichtsrevisionismus wollen sie Gegenwart und Zukunft vermengen und den Blick auf das, was war, vernebeln. Die Aufmerksamkeit der deutschen Gesellschaft soll geschwächt werden, indem der Grundsatz der Gleichwertigkeit aller Menschen infrage gestellt wird, um damit menschenfeindliche Politik und menschenfeindliche Äußerungen zu legitimieren.

Meine Damen und Herren, wenn es in Politik und Medien gesellschaftsfähig geworden ist, immer wieder –  besonders mit Blick auf die Migrationsthematik – von „Staatsversagen“ zu sprechen, wird zwangsläufig der Eindruck erweckt, der Rechtsstaat funktioniere nicht mehr richtig. Mit dieser Haltung wird exakt das befördert, was zu bekämpfen vorgeben wird.

Es ist chic geworden, unseren Rechtsstaat in Frage zu stellen. Es sind Stimmen, die laut und eindringlich bezweifeln, ob es der Staat in den vergangenen Jahren noch ausreichend geschafft habe, für Recht und Ordnung zu sorgen. Dass das auch von innen, aus den Staatsorganen heraus geschieht, ist besonders besorgniserregend. Gegen eine gerichtliche Verfügung einen Menschen aus Deutschland abzuschieben stellt die Gewaltenteilung in Frage. Zu fordern, dass Gerichte nicht nur nach Recht und Gesetz, sondern auch unter Berücksichtigung des Rechtsempfindens des Volkes entscheiden ist geschichtsvergessen.

Den Auftakt zu dieser unseligen Debatte hat einst die AfD gesetzt. Und Politiker anderer Parteien gehen ihr auf den Leim. Auch sie schüren Angst und Zweifel. Seit im Jahr 2015 hunderttausende  Flüchtlinge nach Deutschland kamen, hat die AfD behauptet, die Bundesregierung habe damit geltendes Recht gebrochen. Und auch hier helfen andere, auch die sogenannten etablierten Parteien, fleißig nach. Denn es ist aus allen politischen Parteien zuhören, dass über die Schwächen des Rechtsstaates geklagt und dessen Rettung eingefordert wird.

Meine Damen und Herren, ohne offenkundige Probleme in unserem Land ignorieren oder klein reden zu wollen, steht doch fest: uns geht es so gut wie nie zuvor. Die jüngste Kriminalstatistik zeigt, dass Deutschland zu den sichersten Ländern der Welt gehört.

Dennoch werden Globalisierung, Digitalisierung, vor allem aber die sogenannte Flüchtlings- bzw. Migrationswelle als Ursachen für die schlechte Stimmung benannt. Leider, leider, scheinen Fakten auch hier nicht mehr zu greifen. Vieles von dem, was sich mit Zahlen belegen lässt, wird überlagert von „alternativen Fakten“, Empfindungen, Ängsten und Panik. Es muss gerettet werden, was als bedroht angesehen wird. Empfundenes ersetzt zunehmend Durchdachtes.

Die miese Masche derer, die Unfrieden stiften wollen, ist aber – in der Tradition der Nationalsozialisten – Minderheiten pauschal für scheinbare oder reale Missstände verantwortlich zu machen, Sündenböcke zu suchen und zu finden.

Spätestens jetzt ist unsere ganze Aufmerksamkeit gefragt. Sie werden mir zustimmen, dass wir besonders gut aufpassen müssen. Wir merken jeden Tag, dass Fremdenfeindlichkeit und auch Antisemitismus in unserem Land zunehmen.

Wir müssen aufpassen in Deutschland! Wir müssen genau hinsehen, was sich in unserem Land abspielt.

Meine Damen und Herren, wir wollen nicht, dass Menschen unser Land regieren, denen Pluralismus und freie Meinungsäußerung nur im Wege stehen. Natürlich nehmen wir besorgte Bürgerinnen und Bürger ernst. Aber wir müssen dringend differenzieren zwischen echten Sorgen und einem sorgenvollen Vorwand, hinter dem ein nationalistisches, autoritäres und vor allem völkisches Staatsverständnis steckt.

Es ist unsere Aufgabe, Antidemokraten zu entlarven. Es ist an uns, mit unmissverständlicher Deutlichkeit auf das Reden und Tun dieser Menschen hinzuweisen. Und das Recht des Grundgesetzes, gegen Bestrebungen, die verfassungsmäßige Ordnung zu beseitigen, Widerstand zu leisten, darf nicht erst so spät greifen, dass es schon zu spät für unser wundervolles demokratisches Land ist.  Denn rechtsextremes Denken in der Bevölkerung wird dann hoffähig, wenn Verständnis für moralische  Ausfälle und Grenzüberschreitungen geäußert wird. Die böse Saat von Angstmacherei, Fanatismus und Hass darf nicht aufgehen. Deshalb müssen wir alles unternehmen, um zu verhindern, dass Polarisierung und Radikalisierung Fuß fassen.

Ich will uns Mut machen und aufrufen, alles zu tun, um brandgefährlichen Geschichtsleugnern und unverhohlenen Rassisten die Stirn zu bieten!

In seiner Abschiedsrede als Bundespräsident hat Joachim Gauck etwas gesagt, an das ich in diesen Wochen häufig denke. Ich zitiere: „ Die entscheidende Trennlinie in unserer Demokratie verläuft nicht zwischen Alteingesessenen und Neubürgern, auch nicht zwischen Christen, Muslimen, Juden oder Atheisten. Sie verläuft zwischen Demokraten und Nicht-Demokraten. Es zählt nicht die Herkunft, sondern die Haltung.“

Haltung - sie geht uns alle an, wirklich uns alle! Sie hat etwas damit zu tun, die Würde des Menschen zu achten, sie zu schützen und für Menschenrechte einzutreten. Jeder einzelne von uns muss sich jederzeit daran messen lassen. Niemand darf es sich bequem machen oder sich rausreden.

Meine Damen und Herren, wir denken heute an die Deportation nach Riga. Wie in jedem Jahr sage ich auch dieses Mal, dass dieses Denken, dieses Gedenken, zu Konsequenzen führen muss. Die tiefe Trauer im Herzen verlangt von uns die Besinnung auf unsere gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft. Darum ist es wichtig und richtig, dass wir an die Ereignisse im November 1942 erinnern, an die Deportation und brutalen Vernichtung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger aus dem Kreis Recklinghausen.

Lieber Rolf Abrahamsohn,
wir alle hier haben ein gemeinsames Ziel mit den heute lebenden Generationen, und hoffentlich mit allen kommenden Generationen:

Wir wollen nicht, dass die schreckliche Vergangenheit die Zukunft unserer Kinder wird. Sie / Er selbst haben dazu einen beispiellosen Beitrag geleistet. Ihre zahlreichen Gesprächen mit denen, die nach Ende der Nazi-Schreckensherrschaft zur Welt gekommen sind, haben dafür gesorgt, dass Erinnerungen über Generationen hinweg wachbleiben – dass aus ihnen auch künftig Lehren gezogen werden können. Sie haben sich auf das dunkelste Kapitel der Geschichte, Ihrer eigenen Geschichte, eingelassen. Sie wissen um die eindringliche Mahnung, die aus Vergangenem zu uns heute spricht. Daher wissen sie auch, wie wichtig es ist, Erinnerung wachzuhalten. Sie haben uns damit ein großes, ein wichtiges Geschenk gemacht, für das ich Ihnen von ganzem Herzen danken möchte.

Ich hoffe nach wie vor und glaube, dass es gelingen kann, die kommenden Generationen auf den großen kulturellen Wertekanon mit dem Verständnis einzuschwören, dass Vielfältigkeit und Toleranz, Anstand und Menschenrechte für alle Menschen gleichermaßen gelten: Widerstand gegen Antisemitismus und Rassismus jeglicher Art sollten alltäglich und keinesfalls die Ausnahme sein. Es bleibt unsere gemeinsame Pflicht, zwischen den Generationen ein Verständnis dafür zu schaffen, was geschieht, wenn bösartige Vorurteile und Hass gedeihen können. Jeder, dem eine gute Zukunft Deutschlands am Herzen liegt, muss sich der immerwährenden Verantwortung nach dem Zivilisationsbruch der Shoah bewusst sein. Und das fängt mit dem Begreifen an, dass das, was wir heute als Zivilisation erfahren, viel fragiler ist, als wir denken.

„Nie wieder!“ – Diese Botschaft ist für unser demokratisches Land ein Bekenntnis zu einem geeinten Europa ebenso wie das Bewusstsein der Bedeutung von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit, Pluralität und Toleranz. Doch so wertvoll diese Werte auch sind, so zerbrechlich sind sie zugleich. Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verlangen stets unsere Aufmerksamkeit und unseren Einsatz.

Die Erinnerung an die Vernichtung der Juden bleibt im kollektiven Gedächtnis. Sie muss im Selbstverständnis der Menschen in Deutschland und auch hier im Kreis Recklinghausen fest verankert bleiben. Denn wir dürfen nicht vergessen. Das sind wir ihnen schuldig. Das sind wir den vielen Millionen Opfern schuldig. Und das sind wir uns selbst schuldig, die wir heute leben und eine gute Zukunft gestalten wollen.

Wir müssen uns erinnern. Immer! Wir sind verpflichtet, uns mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, wo und wann immer Gelegenheit dazu besteht.

Meine Damen und Herren, die Vernichtung der Juden fordert uns täglich heraus, unser Miteinander nach Maßstäben der Menschlichkeit zu gestalten. Die Shoah geht uns alle an – heute und morgen, nicht nur an Gedenktagen.

Deshalb versprechen wir: Die Opfer sind in unseren Herzen, es kann, darf und wird keinen Schlussstrich geben!